Im alten Ford durch die Hölle
Mansfelder Land, heute. Die Arbeitslosenquote liegt bei 20%, Tendenz steigend. Nichts wie weg! Seit aus dem Osten immer mehr junge Frauen abwandern, sind Männer wie Schorse, Boxer und Paul in der Überzahl. Schlecht vermittelt, schlecht bezahlt, Bier trinkend und ohne Perspektive.
Die drei Zeitarbeiter schuften im Getränkemarkt, haben zwar Arbeit, aber kein Geld. Zeitarbeit ist moderne Sklaverei, sagt Paul. Aber Schorse, Boxer und Paul wollen ernst genommen werden. Schaut her, so geht’s uns! Unter der harten Schale können diese drei so herzerweichend ihre Wut herausschreien, dass man sie nach der Vorstellung am liebsten gleich beim Film anstellen möchte.
Nicht bei der Arbeit, sondern beim Abhauen zeigt uns Dirk Laucke die drei. Im alten Ford brettern sie auf der Landstraße dahin, die Musik von AC/DC im Ohr, die Route 66 im Kopf. Der „Highway to Hell“ ist der Himmel auf Erden, ruft Schorse. Aber nichts bewegt sich. Am Ende werden sie weiter Bierkisten stapeln. Menschen, die nach der Wende ihren Platz nicht gefunden haben. Was treibt sie an in einer stillgelegten Welt?
Als eine von drei Premieren zum 20-jährigen Bestehen des Theaters 89 hat Hans-Joachim Frank Lauckes preisgekröntes Stück „alter ford escort dunkelblau“ über Gescheiterte aus dem Osten temporeich inszeniert. Filmschnittartig sind die Szenen aneinandergefügt. Eben noch im holzbrettverschlagenem Auto (Entwurf: Sven Kockro), dann in Karins und Schorses ehemals gemeinsamer Wohnung. Dort zeigt sich, wer die Hosen anhat. Karin (Doreen Wermelskirchen) lässt in einer resolut-verzweifelten Schimpfkanonade ihren Ex noch armseliger dastehen. Schorse (Alexander Höchst) kann die Alimente nicht bezahlen und möchte doch ein guter Vater sein. Jetzt darf er seinen Jungen nicht mehr sehen.
Aber auch wenn die Figuren in dem Stück Verwundete und Gekränkte sind, richten sie keine Tragödie an. Trotz aller Desillusionierung ist es Laucke gelungen, die Figuren gutmütig und sympathisch zu zeichnen. Durch Zufall sehen sie Sohn Phillip auf dem Nachhauseweg. Schwups wird er von Boxer (Jörg Gahr) ins Auto gehoben und der skeptische Paul (Matthias Hinz) mit Schiss vor der Polizei rausgesetzt. Am Schluss wird Karin ihnen verzeihen.
Obwohl sie „in ihrem eigenen Kleinscheiß stecken bleiben“, wie Laucke sagt, sind die drei Kumpels doch Kämpfernaturen mit der Sehnsucht nach ein bisschen Glück. Diesen Freiraum schaffen sie sich. Legoland, wohin Schorse einmal mit seinem Jungen will, beflügelt ihre Träume. In dem Stück geht es eben nicht nur ums Verlieren, sondern auch um die Kraft der Fantasie und Freundschaft.
Selbst im Osten aufgewachsen kennt der heute 27-jährige Laucke die Menschen, über die er schreibt. Biografien wie die seiner Figuren hat der ehemalige UdK-Student auch bei diversen Nebenjobs kennen gelernt. Er schreibt nicht über sie, sondern lässt sie schreiben. Die drei können mit ihrer Situation immerhin schon so gut umgehen, dass sie ihre Unzufriedenheit kommentieren und somit ihre eigene Geschichte erzählen.
Gespielt werden die drei Kumpels und die Frauen bis auf eine Ausnahme von Studenten der Berliner Schule für Schauspiel. Eine gute Wahl, da hier eine Energie zu spüren ist, die von Menschen ausgeht, die alles noch vor sich oder nichts mehr zu verlieren haben. Schaut her, so geht’s uns! Vielleicht saß ja doch ein einflussreicher Manager im Publikum.
Noch bis Mai 2009 immer freitags 20:00 Uhr im Theater 89, Torstraße 216


