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PostHeaderIcon Kollwitzplatz Berlin: Vorrang für Fußgänger in Wohngebieten - Auto Stopp! Fußgänger Hopp!

kollwitzplatz-berlin-prenzlauer-berg-sredzkistrae-kollwitzEs gibt Szenen im Straßenverkehr, die sind so alltäglich und im kollektiven Bewusstsein verankert, dass man sie meistens hinnimmt wie sie sind. Gelegentlich ertönt noch ein verzweifeltes ‚Mann!’ oder ‚Ey!’. Doch die Rede ist hier nicht vom morgendlichen Bus, dessen Rücklichter man gerade noch sieht. Die Situation ist viel trivialer: Man will über die Kreuzung und ein heranbrausender Autofahrer nimmt dreist die Vorfahrt. Und das in einem Wohngebiet! Gerade da!

 

Es sollte alles so schön sein. Im Vorzeigeviertel Prenzlauer-Berg-Kollwitzplatz, Berlin, wurden jüngst einige Kreuzungen umgestaltet, um den Parkraum effizienter zu ordnen sowie die Verkehrsicherheit und das Wohnumfeld zu verbessern. Kostenpunkt: 100.000 Euro pro Straßenkreuzung. Erwünschter Effekt: Schnelleres Kreuzen – zumindest was das Überqueren angeht. Denn, warten muss man immer noch. Warten bis der ignorante Taxifahrer oder der abwesende Parkplatzsuchende endlich vorbei gefahren sind. Vorrang für Fußgänger? Fehlanzeige!

 

kollwitzplatz-berlin-prenzlauer-berg-sredzkistrae-kollwitzHaben derart kosten-intensive Umgestaltungen somit überhaupt einen Nutzen für die Wohnqualität? Ja. Erhalten die, die zu Fuß gehen deswegen Vorrang in ihrem eigenen und unmittelbaren Wohnumfeld? Nein! Doch der Reihe nach. Im Kollwitzplatzgebiet sanierte der zuständige Träger S.T.E.R.N. GmbH bisher zwei Verkehrskreuzungen: Ecke Kollwitzstraße/ Sredzkistraße und Kollwitz-/Wörtherstraße. Am 18. August 2008 begann zudem die Umgestaltung der Sredzkistraße/ Husemannstraße. Weitere sollen folgen. Sanierungsziel ist ein flächendeckendes Netz an fußgängerfreundlichen Kreuzungen im Wohngebiet, wovon es 21 gibt.

 

Doch auch andere Stadtviertel haben Kreuzungen. Schnell wird klar: Bei 100.000 Euro Kosten pro Kreuzung, kann es sich lediglich um punktuelle Schwerpunktmaßnahmen handeln. Die Kollwitz- und Sredzkistraße sind zudem touristische Hauptstraßen rund um den Kollwitzplatz, Berlin, im Prenzlauer Berg. Was geschieht also mit normalen Verkehrskreuzungen? Wo bleiben einfache und flächendeckende Maßnahmen, die einen Vorrang für Fußgänger im gesamten Kiez durchsetzen können? Eine Aufblähung des Kreuzungsbereiches wirkt zwar förderlich, doch appelliert diese zu sehr an die Höflichkeit der Autofahrer. Denn, Fußgänger warten meistens freiwillig, was Autofahrer logischerweise als Signal verstehen weiterzufahren.

 

Darum: In Wohngebieten haben Fußgänger Vorrang! Ein Autofahrer wird, sobald er einen Parkplatz gefunden, ebenfalls ganz automatisch zum Fußgänger. Damit wechselt auch seine Wahrnehmung. Die Vision, dass Fußgänger Vorrang in ihren eigenen urbanen Lebensbreichen haben, ist nur allzu natürlich. Zebrastreifen oder Fußgängerüberwege sind eine denkbare wie preiswerte Alternative. Sie sind die massentaugliche Ergänzung zu den punktuellen Kreuzungsumbauten.

 

kollwitzplatz-berlin-prenzlauer-berg-sredzkistrae-kollwitzIn Deutschland werden Zebrastreifen jedoch nicht beliebig zur Umsetzung von Vorrangmaßnahmen eingesetzt. Richtlinien empfehlen Fußgängerüberwege ab einer Verkehrsbelastung von 2-300 Kfz/h bei mindestens 50-100 Fußgängern die Stunde. Wo für Hauptverkehrsstraßen Richtwerte sinnvoll sind, blockieren diese in Wohngebieten jedoch deren Einsatz. Denn es geht nicht um die Verkehrsmenge, sondern um Vorrang, und dieser muss gerade auch an weniger befahrenen Bereichen visuell erkennbar sein.

 

Anderseits sind Farbahneinfärbungen denkbar oder Aufpflasterungen, die einen Gehweg - trotz Kreuzung - durchgängig erscheinen lassen. Ein Zebrastreifen kostet in seiner Minimalausstattung ungefähr 1.000-2.000 Euro, was absolut ausreichend ist für kleine Kreuzungen in Wohngebieten. Es geht ja letztendlich darum Autofahrern visuell zu signalisieren, dass der Mensch hier vor dem Auto steht. Zudem sind Fußgängerüberwege auch flächendeckend in anderen Stadtteilen möglich. Dies ist übrigens eine gängige Praxis in anderen Ländern.

 

kollwitzplatz-berlin-prenzlauer-berg-sredzkistrae-kollwitzIn Castel de Fels bei Barcelona, Spanien, wurden im Zuge der Olympischen Spiele 1992 Zebrastreifen an vielen Wohngebietskreuzungen markiert, wodurch man diese nicht mehr als eine Unterbrechung wahrnimmt. Man geht ganz einfach weiter, gänzlich ohne Kreuzungsaufblähung. Diese baulichen Maßnahmen gehören eh zu den paradiesischen Maßnahmen und kommen nur vereinzelt zum Einsatz. Ideal, aber selten und zudem nur bedingt effektiv, wenn es um Vorrang für Fußgänger in Wohngebieten geht. Hier müssen andere Ideen her. Markierungen! Mut zum Überqueren! Ein freundliches Signal an den anfahrenden Autofahrer geben, dass er warten soll. Funktioniert überraschend gut, kann jedoch nicht die langfristige Vorstellung von fußgängerorientierten Wohnvierteln wie am Kollwitzplatz in Berlin sein.

Aktualisiert (Montag, 29. September 2008 19:20)