Hitler light
Das Deutsche Theater adaptiert „Sein oder Nichtsein“ von Ernst Lubitsch
Von Sibylle Schmidt
1942 drehte Ernst Lubitsch in seiner Wahlheimat Amerika den Film „Sein oder Nichtsein“. Es ist die Geschichte einer polnischen Schauspielertruppe, die im besetzten Warschau die Nazis an der Nase herumführt. Dabei fing alles ganz harmlos an:
Tagsüber wird eine Satire über Hitler-Deutschland geprobt, abends betrügt die beliebte Schauspielerin Maria Tura ihren Mann und Kollegen, den ebenso berühmten wie narzisstischen Schauspieler Joseph Tura, mit einem jungen polnischen Fliegeroffizier. Jedes Mal, wenn der Gatte seinen Hamletmonolog deklamiert, verlässt der Offizier den Saal, um Frau Tura in der Garderobe einen Besuch abzustatten. Der Theatermann ahnt nichts von dem Schäferstündchen, fühlt sich aber in seiner Schauspielerehre schwer gekränkt. Als die Nazis in Polen einmarschieren, überschlagen sich die Ereignisse, Probenverbot und Verfolgung sind nun an der Tagesordnung. Doch in schlechten Zeiten halten alle zusammen und so finden sich die Eheleute samt Liebhaber bald in der polnischen Widerstandsbewegung wieder. Sie müssen einen Landsmann unschädlich machen, der mit den Nazis kollaboriert. Nichts leichter als das. Endlich können Tura und seine Truppe ihre Kunst wieder unter Beweis stellen. Als Führer und Nazischergen verkleidet tricksen sie das bräsige Gestapogefolge aus. Am Ende ist der Spion tot und die lustigen Widerstandskämpfer landen im Exil in Schottland. Dort wartet bereits ein neuer Verehrer auf die reizende Maria Tura und verlässt während der Vorstellung den Saal.
Der Film wurde ein Flop. In Amerika konnte man nicht lachen über Nazideutschland, das kurz zuvor den USA den Krieg erklärt hatte. Lubitsch jedoch wollte mit der Satire seinen Abscheu über die Vorgänge in Europa zum Ausdruck bringen. Aber das geschickt eingefädelte Verwirrspiel um echte und falsche Nazis wurde vom Mainstream gewohnten amerikanischen Publikum abgelehnt. Die unterhaltsam inszenierte Satire legt die Frage nahe, was ist, wenn jeder nur eine Rolle spielt? Wo ist die Grenze zwischen Nazi und Normalbürger? Dann bekommt der Schrecken eine unfreiwillige Komik, dann sind Witz und Grausamkeit auf banale Weise miteinander verknüpft und alles hat eine gewisse Leichtigkeit. Das ganze Ausmaß der Katastrophe aber konnte man damals wohl noch nicht erfassen. Selbst Lubitsch distanzierte sich später von dem Streifen: Hätte er gewusst, was alles in Europa angerichtet worden war, hätte er den Film nicht gemacht.
Nun hat das Deutsche Theater in Berlin die Story für die Bühne adaptiert. Doch auch hier scheint man von den Massenmorden nicht viel wissen zu wollen. Da hängen Hakenkreuzfahnen von den Balkonen herab, Nazi-Embleme, naturalistisches Mobiliar und historisierende Kostüme legen die Vermutung nahe, dass wir uns zeitlich nicht allzu weit von der Filmpremiere befinden. Als hätten seither nicht mehrere Generationen an der Auf- und Verarbeitung der Schrecken zu tragen gehabt.
Was im Film noch zeitnah als satirischer Witz hingenommen werden konnte, hier funktioniert es nicht. Zuviel ist seither im Theater darüber nachgedacht worden, wie man Kritik an politischen, insbesondere rechten Terror, auf die Bühne bringen soll. Brisante Inhalte mehr über die Form kenntlich zu machen, weniger über einen linear erzählten Plot. Also mit allen Mitteln, die einer theatralen Darbietung zur Verfügung stehen, Licht, Akustik, Kulisse und schließlich auch den Fähigkeiten der Akteure zu spielen, zu experimentieren, um etwas Neues entstehen zu lassen. Die Form zugunsten des Inhalts zu betonen, um politische Zusammenhänge sichtbar zu machen. Mit Mitteln der Verfremdung statt Einfühlung, mit harten Fügungen statt Boulevardkitsch. Vor allem die kritische Rezeption des Films hätte mit in die Aufführung gehört. Was wäre, wenn die wunderbaren Schauspieler Eggert, Moss und Co. nicht die Turas und ihre Widersacher spielen würden, sondern eben Schauspieler, die sich darüber wundern, heutzutage im Theater so eine Geschichte spielen zu müssen? Das würde eine neue Perspektive eröffnen und die herabhängenden Hakenkreuzfahnen zurückweisen auf eine Zeit, die tatsächlich 70 Jahre zurückliegt.
Ernst Lubitsch monierte seinerzeit, dass die Filmregie auf den Film übertragene Theaterregie sei, dass der Film eine ganz neue, eigene Regie brauche. Das Künstliche und Konstruierte, der Hang zu Abstraktion, den das Avantgardetheater der 1920er Jahre hervorgebracht hatte, sollte im Film melodramatisch eingeebnet werden. Damit rechtfertigte Lubitsch den Unterhaltungswert seiner Filme. Heute, da mit Vorliebe Romane und Filme für die Bühne bearbeitet werden, kann diese Forderung umgedreht werden: Das Theater muss seine spezifischen Mittel nutzen, um den Inhalt von Filmen so zu vermitteln, dass das Medium Theater dabei seine Identität nicht einbüßt. Das ist sicher nicht einfach bei einem Filmstoff wie „Sein oder Nichtsein“, der seinerseits das theatrale Spiel mit Identitäten und Masken zum Thema hat.
Das Regieteam jedenfalls schien überfordert mit der Aufgabe. Auch das Programmheft gibt keine Hinweise darauf, warum der Film auf die Bühne gebracht worden ist. Statt Informationen zu inszenatorischen Ansätzen zu erhalten, erfahren wir in einem hochinteressanten filmwissenschaftlichen Essay alles Wissenswerte über das Kinowerk und seinen Schöpfer Ernst Lubitsch. Grund genug, noch einmal zur DVD zu greifen und sich ein Stück Filmgeschichte zu Gemüte zu führen.
Im Theater jedenfalls haben wir nichts dazu gelernt, außer dass der Zuschauerraum ohne die neue Klimaanlage viel wärmer war. Was haben wir gefroren.
Wieder im DT am 20.1. und 19.2.
Foto: Arno Declair


