Rezension
Karel Čapek: „Der Krieg mit den Molchen“
Von Uwe Dietrich
Die moderne phantastische Literatur ist mittlerweile fast 200 Jahre alt. Sie beginnt mit dem wortgewaltigen Horror eines Edgar Allen Poe, setzt sich fort mit den burlesken Geschichten eines E.T.A. Hoffmann, dem schönen Schauer einer Mary Shelley und den abenteuerlichen Utopien eines Jules Vernes - um nur ein paar Autoren zu nennen.
Wir finden in diesem Genre billigste Actionstories, psychologisch tief- bzw. abgründige Arabesken und philosophische Phantasiespiele höchsten Grades. Sie alle folgen dem schönen Leitspruch: Die Phantasie an die Macht!
In diesem illustren Reigen verdient ein Buch ganz besondere Erwähnung: „Der Krieg mit den Molchen“ (Originaltitel: Válka s mloky) das wohl bekannteste Werk des Tschechen Karel Čapek aus dem Jahr 1936. Was zunächst wie der Titel eines Kinderbuches klingt, ist sowohl inhaltlich als auch formal ein literarisches Kleinod.
Dabei ist der Inhalt schnell erzählt: Etwa zur Zeit der vorletzten Jahrhundertwende findet der Kapitän eines Handelsschiffes irgendwo bei Sumatra eine seltsame Molchkolonie, die im seichten Wasser einer tropischen Bucht lebt. Diese Molche sind ca. 1,60 m lang, können aufrecht laufen und verfügen über eine gewisse Intelligenz. Der Kapitän schafft es sehr bald, ihr Vertrauen zu gewinnen. Er gibt ihnen Messer, um Schalentiere besser öffnen zu können, und leichte Gewehre, um sich gegen ihre Hauptfeinde, die Haie, zu verteidigen. Selbstverständlich handelt der Kapitän nicht uneigennützig: die Molche bezahlen diese Waren mit Perlen - die für sie ohnehin keinen Wert haben.
Und natürlich wittert der Kapitän das große Geschäft. Denn diese Molche sind die perfekten Unterwasser-Arbeiter, was auch sehr schnell von den großen kolonialen Handelsunternehmen entdeckt wird! Innerhalb weniger Jahre entwickelt sich ein weltweiter Kommerz mit diesen skurrilen Wesen. Sie bauen gigantische Landmassen aus dem Meer auf, verbinden Inseln miteinander, sind fleißig, kurz: die perfekten Arbeitstiere. Und da sie, wie das bei wertvollem Zuchtvieh üblich ist, gut gehegt und gepflegt werden, gibt es bald mehr Molche als Menschen. Dazu zählen sowohl besonders kräftige Arbeitstiere als auch „Intellektuelle“, die der menschlichen Sprachen mächtig sind und sogar studieren.
Die ganze Welt profitiert von den Molchen. Doch plötzlich (klar, es wäre ja sonst zu langweilig!) passieren merkwürdige Naturkatastrophen. Überall auf der Welt überrollen Tsunamis ganze Küstenlandstriche, explodieren unterirdische Vulkane, die viele Hektar Landmassen in die Tiefe reißen … Und sehr bald wird klar, dass das alles das Werk der Molche ist. Bisher wurden sie vor allem eingesetzt, um neues LAND zu gewinnen. Jetzt, in der Mehrheit, fordern sie das gleiche Recht für sich: neuen Lebensraum für sich und ihren Nachwuchs
Kurz: Der Krieg mit den Molchen beginnt! Wie er endet? Tja, das weiß noch nicht mal Čapek selbst …
Aber unterbrechen wir hier kurz die Handlung und wenden wir uns der Form des Romans zu. Čapek präsentiert uns - wohl aus gutem Grund - keinen Hauptcharakter, also auch keine singuläre Perspektive. Stattdessen kommt eine Vielzahl von Personen zu Wort: Seemänner, Geschäftsleute, Politiker oder Journalisten. Von jedem wird berichtet, wie er (oder sie) von den Molchen profitiert. Die Seemänner haben noch den unmittelbarsten Umgang mit den Tieren, die Geschäftsleute überlegen, wie sie den Mehrwert ihres Unternehmens mit Hilfe der Molche steigern können, die Politiker denken darüber nach, wie sie ihr Land vergrößern können und die Journalisten sind vor allem daran interessiert, mit ihren Berichten die Auflagen der Zeitungen in die Höhe zu treiben.
So ist es nur konsequent, wenn Čapek in den Lauf des Romans Parlamentsreden oder Protokolle von Geschäftssitzungen einbaut. Oder Zeitungsartikel, teilweise sogar in verschiedenen Sprachen … Spricht hier jemand chinesisch?
Mit anderen Worten: „Der Krieg mit den Molchen“ ist eine Collage, die NICHT dem obersten Gebot der bürgerlichen Literatur des 19. Jahrhundert entspricht, nämlich der Einheit von Zeit, Ort und Handlung.
Aber, damit sich niemand abgeschreckt fühlt: Čapek ist nicht Joyce oder Proust oder Musil. Er versteigt sich nicht in formale Labyrinthe, aus denen nur der Experte herausfindet. „Der Krieg mit den Molchen“ kann von vorne bis hinten mit viel Spaß und Spannung gelesen werden.
Wie soll man diesen Roman nun interpretieren? Ist es also eine Satire auf die Nazis? Als das Buch 1936 erschien, bereitete sich auch Deutschland auf die Eroberung neuen „Lebensraumes“ vor (übrigens: am Ende des Buches enden Nord- und Ostsee kurz vor Dresden …).
Oder ist es eine Parabel auf die Ausbeutung der Menschen durch den Menschen? Die Entrechtung der Arbeiter durch das Kapital? Handelt es sich um eine generelle Zivilisationskritik?
Doch die vielleicht interessanteste Frage lautet: Warum kommen in diesem Buch alle Beteiligten zu Wort, nur die Molche selbst nicht? Wir, die Leser, erfahren nur äußerst wenig über ihre Gedanken, ihre Befindlichkeiten oder ihre Träume! Wir haben am Ende des Buches nicht erfahren, wie sie unter Wasser leben, wie sie miteinander umgehen, wie sie ihr soziales Leben organisieren. Sie bleiben uns fremd! Fremder als - um ein modernes Beispiel zu nennen - die ethnischen Minderheiten in Deutschland. Um diesem Gedanken eine makabere Aktualität zu geben: Ihr Kampf gegen ihre Ausbeuter erinnert an den Kampf der islamischen Fanatiker.
Jedoch, wie bereits angedeutet: Čapek erzählt uns nicht, wie der Kampf endet - sondern wendet einen literarischen Trick an. Er und sein Alter Ego denken im letzten Kapitel des Buches („Der Verfasser spricht mit sich selbst“) laut darüber nach …
… aber das sollte jeder selbst nachlesen!! Karel Čapeks „Der Krieg mit den Molchen“ ist auch heute noch in verschiedenen Ausgaben im Handel!


